ProspeKtive

Das Potenzial des Bestehenden erschließen: Design im Dienst neuer Nutzungen

Oktober 2026

Der Experte / Die Expertin

Expert - Clotilde Fraile

Clotilde Fraile

Leiter des Bereichs Design & Build – Kardham

Nutzungsintensivierung: Räume über ihre ursprüngliche Funktion hinaus beleben

Flächen werden knapper, Neubauten fallen bescheidener aus, und unsere Arbeitsweisen wandeln sich: In diesem Umfeld wird die Nutzungsintensivierung zu einem echten Entwicklungsmotor. Viele Räume werden heute längst nicht voll ausgeschöpft – Büros stehen abends leer, Schulen bleiben am Wochenende geschlossen, und öffentliche Einrichtungen sind außerhalb ihrer Öffnungszeiten kaum besucht. Es gilt daher, einen Raum nicht länger nur für seine Hauptfunktion zu planen, sondern von Anfang an mehrere, sich zeitlich ergänzende Nutzungen mitzudenken. So kann derselbe Raum tagsüber Arbeitsort, abends Kulturort und am Wochenende Treffpunkt für die Nachbarschaft sein. Voraussetzung dafür sind flexible, anpassungsfähige und reversible Räume, deren Aufteilung sich ohne größere bauliche Eingriffe verändern lässt. Bewegliche Möbel, versenkbare Trennwände, integrierte Stauräume, separate Zugänge und eine durchdachte Zonierung werden so zu unverzichtbaren Gestaltungsmitteln. Dieser Ansatz optimiert jedoch nicht nur die Flächennutzung: Er fördert die soziale Durchmischung, stärkt die Verbindung zur Nachbarschaft und macht Gebäude zu lebendigen Orten, die sich ihrer Umgebung öffnen.

Ein Beispiel: Das Büro, das sich zur Stadt hin öffnet.

Tagsüber finden in einem Unternehmenssitz Fachkonferenzen statt, abends Filmvorführungen, Bürgerversammlungen oder Kulturveranstaltungen. Auditorium, Restaurant oder Lobby werden zu Gemeinschaftsräumen – ohne dass dafür das gesamte gesicherte Gelände geöffnet werden muss.

 

Soziale Solidaritätsprojekte: Design im Dienst von Gastfreundschaft und Würde

Innenarchitektur beschränkt sich nicht auf Büros, Geschäfte oder Wohnungen. Sie kann auch einen Beitrag leisten, wenn es um Armut, soziale Notlagen und Ausgrenzung geht. In Bahnhöfen, Sportstätten, öffentlichen Gebäuden oder vorübergehend leerstehenden Räumlichkeiten ließen sich bestimmte Flächen bei Bedarf bereitstellen, um obdachlosen Menschen einen Schlafplatz zu bieten. Dafür muss sorgfältig geplant werden, wie sich diese Räume schnell umgestalten lassen – und zugleich, wie eine menschenwürdige und sichere Unterbringung gelingt, die die Privatsphäre wahrt. Ziel ist es, temporäre Einrichtungen zu schaffen, die mehr sind als Notunterkünfte: echte Orte des Ankommens, an denen Menschen sich ausruhen, ihre Habseligkeiten sicher verwahren, sanitäre Anlagen nutzen, ein Mindestmaß an Privatsphäre genießen und an soziale Dienste vermittelt werden können. Indem wir Design, Vorfertigung, schnelle Montage und Rückbaubarkeit miteinander verbinden, können wir hierfür eine praktikable Lösung anbieten. So lassen sich bestehende Räume rasch umgestalten, ohne dass zwangsläufig größere bauliche Eingriffe nötig sind. Design wird damit zu einem Instrument der Solidarität: Es verwandelt verfügbare Quadratmeter in nützliche, einladende Räume, die die Würde der Menschen achten.

Ein Beispiel: Eine Sporthalle, die sich nachts verwandelt.

Rückbaubare Module schaffen individuelle Schlafbereiche, ergänzt durch Stauraum, eine angemessene Beleuchtung und barrierefreie Wege. Danach wird die Einrichtung abgebaut oder umgestellt, sodass der Sportbetrieb wieder aufgenommen werden kann.

 

Restflächen nutzen: Das Potenzial vergessener Orte erschließen

Städte und Regionen sind voller Restflächen: Baulücken, leerstehende Erdgeschosse, Brachen, Grundstücke, die auf ihre Bebauung warten, stillgelegte Bahntrassen, Räume unter Brücken, ungenutzte Innenhöfe oder teilweise verlassene Gebäude. Oft gelten diese Orte als Hindernis oder als nutzlos – dabei können sie zu Plattformen für neue Nutzungen werden. Sie bieten die Chance, kleinere, weniger aufwendige und mitunter experimentelle Projekte zu verwirklichen und zugleich den Verbrauch unbebauter Naturflächen zu begrenzen.

Dieser Ansatz lädt dazu ein, das Bestehende mit neuen Augen zu sehen: Statt systematisch anderswo neu zu bauen, geht es darum, in das Vorhandene zu investieren – es zu sanieren, umzunutzen und neu zu gestalten. Auch wenn das Thema in erster Linie Stadtplanung und Architektur betrifft, spielt die Innenarchitektur eine entscheidende Rolle: Sie gibt Räumen eine neue Bestimmung, definiert ihre Nutzungen und prägt ihre Atmosphäre. So kann ein leerstehendes Gebäude zur Gemeinschaftswerkstatt werden, ein verwahrlostes Gelände zum temporären Kulturort oder ein ungenutztes Erdgeschoss zum Nachbarschaftstreff. Besonders wirksam ist unser Beitrag dort, wo Projekte schnelles Handeln, ein begrenztes Budget, rückbaubare Einbauten und ein feines Gespür für die Bedürfnisse vor Ort erfordern.

Ein Beispiel: Verlassene Gebäude in ländlichen Gebieten.

Eine alte Scheune, eine Werkstatt oder ein Wirtschaftsgebäude wird zum Coworking-Space, zur Handwerkswerkstatt oder zur Gemeinschaftseinrichtung – unter bestmöglicher Nutzung der vorhandenen Strukturen und Materialien.

 

Städtische Installationen: Den Alltag durch behutsame Eingriffe verbessern

Extreme Hitze, die zunehmende Versiegelung der Städte und veränderte urbane Lebensweisen machen es nötig, den öffentlichen Raum neu zu denken – als Ort, an dem man sich gerne aufhält, und nicht nur als Durchgangsraum. Schon kleine Eingriffe können das Erleben eines Ortes spürbar verändern: Sie spenden Schatten, bieten Sitzgelegenheiten, bringen Grün in die Stadt, laden zum Spielen ein, schaffen Treffpunkte oder machen lokale Geschichte sichtbar. Solche Maßnahmen erlauben es, neue Nutzungen zu erproben, ohne auf ein großes Sanierungsprojekt warten zu müssen. Ob temporär oder dauerhaft – sie lassen sich in einer Straße, auf einem Platz, in einem Innenhof, auf einem Vorplatz oder an jedem Ort installieren, der bislang wenig einladend wirkt. Die Innenarchitektur bringt dabei ihr Know-how in Sachen Komfort, Materialien, Atmosphäre, Ergonomie und Nutzung ein. Durch Design entstehen Objekte und Installationen, die funktional, stimmungsvoll und unverwechselbar sind. Wir begleiten das Projekt bis zur Herstellung und Montage dieser Elemente und setzen dabei auf modulare, reparierbare, wiederverwendbare und pflegeleichte Lösungen. Ziel ist eine angenehmere, einladendere Stadt im Alltag – wobei jeder Eingriff zur Gelegenheit wird, Begegnungen zu ermöglichen und gemeinschaftlichen Räumen neuen Wert zu verleihen.

Ein Beispiel: Kühle Oasen

Schattenspendende Strukturen, begrünte Pergolen, bequeme Bänke und – wo möglich – Bepflanzungen auf offenen Flächen. So entstehen auf gepflasterten Plätzen angenehmere Rückzugsorte für Hitzewellen.

Erscheinungsdatum : Oktober 2026

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Delphine Minchella

Delphine Minchella

Lehrender und forschender Professor für Management
Doktor in Strategischem Management
EM Normandie - Laboratoire Métis

Stadtplanung und psychische Gesundheit

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Barbara Attia

Gründerin von HURBA, der ersten Praxis für Stadtpsychologie